Projekt zur Demokratieförderung im Englischunterricht der 8a
17.03.2026Neben der Wirtschaftskrise dominiert seit Monaten die Migrationsdebatte den öffentlichen Diskurs. Um den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit zur Reflexion und zur Meinungsbildung zu geben, führte die Klasse 8a im Englischunterricht das dreiwöchige Projekt „Intercultural learning in the context of migration“ durch. Es handelt sich um eines der Gewinnerprojekte des Bildungswettbewerbs der Sparkassen-Stiftung, die das Vorhaben finanziell unterstützte.
In der ersten Woche stand die theoretische Erarbeitung des Themas im Vordergrund. So erweiterten die Lernenden – gerahmt von englischsprachigen Aktivitäten – ihr Wissen zu Fluchtursachen, Fluchtrouten, dem Asylprozess in Deutschland, Herausforderungen und Chancen von Migration. Ferner wurden die Schülerinnen und Schüler – im Sinne der Reflexion – immer wieder zur Perspektivübernahme herausgefordert. In Form von Reflexionsfragen und einem Tagebucheintrag setzten sie sich mit der Frage auseinander, wie sie sich fühlen würden, wenn sie ihr Heimatland verlassen müssten und ganz ohne Hilfe in einem neuen Land ankämen.
In der zweiten Woche empfingen die Schülerinnen und Schüler Gäste der kommunalen Verwaltung. Thomas Zizmann, Leiter des Amtes für Zuwanderung und Integration im Zollernalbkreis, sowie Anna Arnst, Leiterin der Ausländerbehörde, legten ihre Sicht auf die Flüchtlingsdebatte dar und informierten über die kommunalen Prozesse und Hintergründe. Die Lernenden erfuhren, dass sich gegenwärtig etwa 30.000 Flüchtlinge im Zollernalbkreis aufhalten, wobei die meisten Asylsuchenden wiederum aus der Türkei stammen. Die medial diskutierten Abschiebungen seien ein langwieriger Prozess, der oftmals daran scheitere, dass keine gültigen Dokumente der abzuschiebenden Personen vorliegen. Als größte Herausforderung nehmen die beiden Gäste die Integration der Immigranten wahr, weil diese oftmals in den Kulturvorstellungen ihres Heimatlandes verharren. Zugleich betonen sie allerdings, dass Deutschland ein sicheres und wohlhabendes Land ist – das seinen Lebensstandard durch die Ausbeutung anderer Länder sichert, wenn etwa Kinder in Afrika seltene Erden für unsere Technologien abbauen. Daraus entsteht für Herrn Zizmann und Frau Arnst wiederum die Verpflichtung, diesen Menschen mit Offenheit und Toleranz zu begegnen.
In der dritten Projektwoche erhielt die Klasse Besuch von Foday Bayo, einem 28-jährigen Mann aus Gambia. Aufgrund der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit und Armut im Land brach er 2016 zur Flucht nach Europa auf. Er schilderte den Lernenden dabei eindrücklich seine Erfahrungen. So durchquerte er die Sahara zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen auf der Ladefläche eines Pickups und ernährte sich fünf Tage lang von einem Laib Brot, den er zuvor gegen sein Mobiltelefon eingetauscht hatte. Wäre er vom Pickup gefallen, hätte er nicht überlebt, da die Schleuser in der Wüste nicht anhalten. In Libyen angekommen, stand für Foday zusammen mit 200 weiteren Flüchtlingen die Überquerung des Mittelmeers auf einem Schlauchboot an. Er berichtete, dass das Schlauchboot ein Loch hatte und die Schleuser einen Flüchtling zwangen, während der Überfahrt seinen Daumen darauf zu halten, damit keine Luft entweicht. Nach zwölf Stunden versagte dann auf hoher See der Motor des Boots und immer mehr Luft entwich. Während einige seiner Mitreisenden ertranken, schaffte es Foday auf ein italienisches Rettungsschiff und kam nach Italien, wo er einen Asylantrag stellte und drei Jahre blieb. Da er keine Möglichkeiten der Weiterbildung und der Arbeitsaufnahme sah, entschloss er sich 2019 zur Weiterfahrt nach Deutschland, wo er 2021 in den Zollernalbkreis kam. Dort belegte er Deutschkurse, nahm an berufsvorbereitenden Kursen teil und fand schließlich Arbeit als Logistiker bei der Firma Blickle in Rosenfeld sowie als Putzkraft in Balingen. Er versorgt sich mittlerweile selbstständig, bezahlt Steuern und Sozialversicherung und würde sehr gerne mehr Deutschkurse besuchen und eine Ausbildung absolvieren, was aufgrund bürokratischer und finanzieller Hürden allerdings nur schwer umzusetzen sei. Stattdessen erhielt er nur eine Duldung und sollte nach deren Ablauf abgeschoben werden, da er seinen Asylantrag in Italien stellte. Die Abschiebung konnte verhindert werden, und mittlerweile bestand Foday sogar den Einbürgerungstest und darf auf eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hoffen. Zum Schluss gab Foday der Klasse drei Appelle mit: Er ist sehr dankbar in Deutschland zu sein und sieht die Bereitschaft zur Integration als seine Verpflichtung an, um dem Land etwas zurückzugeben – dies erwartet er auch von anderen Flüchtlingen, die sich bei uns aufhalten. Er betont außerdem, dass es positive und negative Beispiele in jeder Gesellschaft gibt – pauschale Aussagen über „die“ Flüchtlinge können genauso wenig getroffen werden wie über „die“ Deutschen. Schließlich bat Foday die Lernenden, negative Erfahrungen mit Immigranten nicht auf alle zu projizieren. Eine kleine Gruppe Migranten, die sich nicht benimmt, erlaubt nicht, über alle Migranten zu urteilen. Zur weiteren Förderung von Offenheit, Toleranz und des interkulturellen Austauschs, trafen sich die Schülerinnen und Schüler über den Nachmittag in der Schulküche, um gemeinsam mit Foday „Domoda“ zu kochen – das Nationalgericht Gambias, das aus Reis und einer Tomaten-Erdnussbutter-Soße besteht – und hatten sichtlich Spaß daran. In Form von weiteren Reflexionsfragen und Aktivitäten, die zur Perspektivübernahme herausforderten, wurde Fodays Besuch schließlich aufgearbeitet. Die Ergebnisse des gesamten Projekts sammelten die Schüler in einem Portfolio. Exemplarische Antworten, die als Bild unten eingefügt sind, geben Einblicke in die Reflexionsprozesse der Schüler.
Gerahmt wurde das Projekt zudem von einer Befragung im Prä-Post-Design. Das heißt, die Schüler wurden anhand einiger Fragen und einer zehnstufigen Skala vor und nach dem Projekt zu ihren Einstellungen zur Flüchtlingsdebatte befragt. Bei aller statistischen Unschärfe aufgrund der kleinen Stichprobenzahl und anderen Störvariablen schließen die Ergebnisse zumindest nicht die Interpretation aus, dass das Projekt im Durchschnitt zumindest einen kleinen positiven Effekt auf die Einstellungen der Lernenden hatte.